CHRONOLOGIE                                                                                                                                                            zurück


 

um 1875 /76

Erwerbung des über 40 Hektar großen Beerdigungsplatzes in Weißensee durch die Jüdische Gemeinde zu Berlin

 

Frühjahr 1878

Wettbewerb für die Gestaltung des neuen Friedhofes. Teilnahmeberechtigt waren die Mitglieder des Berliner Architektenvereins. Abzugeben waren Entwürfe für einen Lageplan, ein Leichenhaus, eine Feierhalle, ein Dienstgebäude, eine massive Einfriedung mit Einfahrtstor, eine Portierswohnung. Weiter war in einem Kostenüberschlag nachzuweisen, dass die Gesamtkosten von 150 000 M nicht überstiegen würden. Als Preisrichter fungierten: Für die Jüdische Gemeinde: Professor Moritz Lazarus, Rentier Julius Meyer, Maurermeister Fränkel, Baumeister Landsberg. Für den Architekten-verein: Baurat Friedrich Hitzig, Baurat Hermann Ende, Baumeister Johannes Otzen. Es beteiligten sich 25 Architekten, kein Entwurf konnte zur Ausführung empfohlen werden. Die Entwürfe der Teilnehmer Bernhard Kühn, Hugo Licht und Matthias v. Holst bekamen den Preis zu je 1/3 zugesprochen und wurden zu einem 2. Wettbewerb geladen. Aus diesem ging Hugo Licht als Sieger hervor.

  1879 / 80
Errichtung der Trauerhalle, des Leichenhauses und des Bürogebäudes am Eingang Herbert-Baum-Straße nach dem Entwurf des Architekten Hugo Licht. Bau eines WC-Gebäudes, eines Wasser-turmes und eines Eingangstores, Bauleitender Architekt: Hr. Freytag, Maurerarbeiten: Emil Landé, Ausführung schmiedeeisernes Tor: Fabian

  09.09.1880
Einweihungsfeier mit 200 geladenen Gästen

  22.09.1880
Erste Beisetzung, Grabmal Louis Grünbaum

  ab 1880
Einteilung der Grabstätten in Erbbegräbnisse, Wahl- und Reihengräber

  1887
Bau eines Gewächshauses

  1892 / 93
Bau einer Blumenhalle am Eingang Lothringenstraße

  seit 1901
Teilweise Verglasung des Arkadenganges

  1903
Anbau an die bestehende Blumenhalle

  1906
Bau einer größeren Treibhausanlage

  09.02.1909
Aufstellung einer neuen Beerdigungs- und Friedhofsordnung

  21.02.1909
Erste Aschenbeisetzung, die Asche setzte man in Särgen in den üblichen Feldern bei

  1910
Errichtung einer zweiten Trauerhalle in der Friedhofsmitte

  3.01.1911
Einweihung der neuen Trauerhalle

  1912
Bau einer Warte- und einer Blumenhalle an der neuen Trauerhalle, Architekt: Adolf Sommerfeld

  1915
Vertrag für die Übertragung des circa 1 Hektar großen Geländes für den Bau der Straße 90 von der Jüdischen Gemeinde an die Gemeinde Weißensee

  1914 / 15
Anlage eines Krieger-Ehrenhofes für die gefallenen und noch fallenden jüdischen Soldaten nach einem Entwurf von Alexander Beer

  1921
Teilvermessung der geplanten Straße 90

  01.06.1924
Öffnung des neu geschaffenen zweiten Einganges am Weißenseer Weg (heute Indira-Gandhi-Straße)

  ab 1926 Einrichtung von Urnenfeldern
  um 1926
Dem Bestattungswesen des Friedhofes, das einer 18köpfigen Friedhofskommission der Gemeinde unterstand, gehörten damals 67 Beamte und Angestellte, darunter 15 Sargträger, Gruftmacher, Taharafrauen u.a.m. an. 201 weitere Arbeitskräfte waren in der Gärtnerei des Friedhofes und den Pflegebereichen beschäftigt.

  27.06.1927
Einweihung des bereits 1918 vorgesehenen Ehrenmals für die im Ersten Weltkrieg gefallenen 12 000 deutschen Juden im Ehrenfeld, Entwurf ebenfalls Alexander Beer

  1929
Einrichtung von Abteilungen, in welchen die Grabsteine schlicht gestaltet der Grabmalskunst der jüdischen Tradition entsprechen

  1939 bis 1941
Nutzung der Friedhofsgärtnerei als gärtnerische Ausbildungsstätte für ausreisewillige jüdische Jugendliche (1939: 40 Jugendliche)

  1941
Anlage eines Urnensonderfeldes mit den Urnen von 283 ermordeten, ehemaligen KZ-Häftlingen

  1943-45 51 große und 17 kleine Bombeneinschläge beschädigen etwa 4.000 Grabstellen. Die zweite Trauerhalle und die Gewächshäuser werden zerstört.
  11.05. 1945 Erster öffentlicher jüdischer Gottesdienst nach der Kapitulation in einem Raum des Friedhofsgebäudes
  Ende 1947 noch etwa 30 Bombentrichter offen
  1948 noch etwa 18 Bombentrichter offen
  08.09.1949
Exhumierung der Leiche von Herbert Baum auf dem Friedhof in Marzahn und Beisetzung auf dem Friedhof Weißensee
  08.05.1950 Schändung von 16 Grabdenkmalen
  23.04. 1950
Gedenksteinenthüllung eines ersten Mahnmales zum Gedenken an die sechs Millionen Opfer der faschistischen Verfolgung im Eingangsbereich an der Herbert-Baum-Straße.

  1951
Anlage eines ersten Sonderfeldes, in welchem Juden mit ihren nichtjüdischen Ehepartnern nebeneinander bestattet werden.

  11.10.1953
Gedenksteinenthüllung des neuen, bis heute erhaltenen Mahnmales im Rondell an der Herbert-Baum-Straße.

  1958 Anlage eines zweiten Sonderfeldes, in welchem Juden mit ihren nichtjüdischen Ehepartnern nebeneinander bestattet sind.
  07.09.1958
Gedenkfeier und Einweihung der KZ - Erinnerungstafeln in der Anlage am Eingang Herbert-Baum-Straße. Die Namen aller großen Konzentrationslager sind auf den kreisförmig angeordnet liegenden Steinen eingemeißelt. Das Rondell war ursprünglich mit Blaufichten umpflanzt.

  1959 Schändung von Grabmalen
  1960 Anlage eines dritten Sonderfeldes, in welchem Juden mit ihren nichtjüdischen Ehepartnern nebeneinander bestattet sind
  1961 Renovierung und Instandsetzung der Trauerhalle, Errichtung einer Friedhofsmauer vom Urnenfriedhof bis zur Smetanastraße, Instandsetzung von Wegen.
  1971 Schändung von etwa 80 Grabmalen
  21.09.1977
Eintragung als Denkmal, Beschlußvorlage Magistrat von Berlin, Bezirksdenkmalliste der Hauptstadt der DDR, Mag.-Nr. 432/77

  1980
Teilweise Abtragung der Ruine der zweiten Trauerhalle, Aufschüttung eines Erdhügels an der Stelle.
  1980 Inschrifttafel für die Beisetzungsstätte der etwa neunzig, 1938 geschändeten Thorarollen
  1980 - 84 Errichtung einer neuen Friedhofsmauer aus Beton mit der Menora als Schmuckelement entlang der Indira-Gandhi- Straße
  1988
Rückgabe des Geländes für die ehemals geplante Straße 90 an die Jüdische Gemeinde zur dauernden Nutzung für Friedhofszwecke

  25.10.1990 Erste Beisetzung in dem rückübertragenen Gelände (Abteilung 8)
  seit 1990
Restaurierung der Grabstätten Ferdinand Strassmann, Josef Schwarz und Moritz Becker durch Zuwendungen des Landesdenkmalamtes Berlin.Restaurierung der Grabstätten Adolf Ernst und Jakob Hirschberg durch Zuwendungen der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

  1992 Zerstörungen an 55 Erbbegräbnisstätten.
  1992-94
Restaurierung und Verfilmung des komplett erhaltenen, circa 900 Bände und Ordner umfassenden Beisetzungsarchives. Das Archivmaterial umfasst ein alphabetisch geordnetes Sterberegister, ein chronologisch geführtes Beisetzungsregister und die aus Totenschein, Sterbeurkunden, Leichenpässen, und Anmeldeformularen bestehenden Bestattungspapiere. Die Arbeit konnte mit Unterstützung durch das Landesarchiv Berlin und Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie ausgeführt werden.

  1992 Restaurierung des gesamten Grabfeldes P 4 und der Grabstätte Mendel, Architekt Walter Gropius, durch den Erlös von zwei von Richard von Weizsäcker initiierten Benefizkonzerten.
  1992 Erneuerung der Grabfeldschilder nach den Originalschildern von 1880
  seit 1992 Renovierungsmaßnahmen an den Friedhofsgebäuden
  1995
Restaurierung des Krieger-Ehrenhofes auf Initiative der Bundeswehr, durch Zuwendungen des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz Berlin, der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und der Axel-Springer-Stiftung

  seit 1996 Restaurierungsmaßnahmen an ausgesuchten Grabstätten mit Mitteln des Landes Berlin und der Bundesrepublik Deutschland
     
 

Text: Katrin Lesser, Garten- und Landschaftsarchitektin

Quelle: Friedhof der Jüdischen Gemeinde in Weissensee - Denkmalpflegerische Grundlagen zur geplanten Eintragung als UNESCO-Weltkulturerbe; erstellt im Auftrag des Landesdenkmalamtes Berlin, Gartendenkmalpflege, März 1998; unveröffentlichtes Manuskript.

 

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