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      Sonderbereiche (Plan-Nr. 48 - 57)

 
 
Grabsteine Große Hamburger Straße
 
48 Ehemaliger Standort der Grabsteine Jüdischer Friedhof Große Hamburger Straße

In der Mark Brandenburg konnten sich 1671 fünfzig jüdische Familien aus Wien auf Erlaubnis des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm ansiedeln und es erfolgte nach langer Unterbrechung erneut die Gründung einer jüdischen Gemeinde in Berlin. Das Gelände des 1672 eingeweihten Friedhofs an der Großen Hamburger Straße wurde von Mordechai Model, ben Rabbi David Tewele ha-levi aus Oettingen auch Model Riess genannt, als Begräbnisplatz gestiftet. Er starb am 1. September 1675, seine Beisetzung war die zweite, die auf diesem Friedhof stattfand. Auf dem ca. 0,6 Hektar großen Gelände fanden ungefähr 3.000 Beisetzungen statt, die genaue Zahl kann nicht mehr ermittelt werden. Beigesetzt wurden auf dem Friedhof so bedeutende Persönlichkeiten des Berliner Judentums, wie z.B. der Philosoph Moses Mendelsohn (1729 - 1786), ein Wegbereiter der Emanzipation der Juden, Veitel Heine Ephraim (1703 - 1775), der bedeutendste preußische Münzunternehmer zur Zeit Friedrich II., Jacob Herz Beer (1769 - 1825), der Vater von Giacomo Meyerbeer. Beerdigungen fanden auf dem Friedhof bis 1827 statt.
1943 ließ die Gestapo einen Graben zu Luftschutzzwecken quer durch den Friedhof ziehen, die Grabsteine wurden zur Abstützung benutzt, die Gebeine der Toten verstreut. Weitere Gräber wurden abgeräumt und der Begräbnisplatz nun zum Sportplatz für die Gestapo umfunktioniert. Ende April 1945 fanden auf dem Friedhof in Sammelgräbern über 2.400 Kriegstote ihre Beisetzung, darunter Wehrmachtssoldaten und SS-Leute. Dieser Umstand hatte bis zuletzt innerhalb der Jüdischen Gemeinde für Diskussionen zum Umgang mit diesem zerstörten und geschändeten Begräbnisplatz gesorgt.
Zu DDR-Zeiten war der Friedhof als Park genutzt und die erhalten gebliebenen wenigen Grabmale, die in die Mauer eines angrenzenden Hauses eingelassen waren, wurden 1988 auf den Friedhof nach Weißensee verbracht. Zur Erinnerung an die tragischen Geschehnisse blieben vor Ort ein symbolisches Grabmal für Moses Mendelssohn und ein Sarkophag aus zerstörten Grabsteinen.
Seit den 2007/2008 durchgeführten Umbauarbeiten ist das Gelände an der Großen Hamburger Straße wieder als Begräbnisstätte zu erkennen. Im Dezember 2009 fanden die Arbeiten ihren Abschluss mit der Wiederaufstellung der historischen originalen Grabsteine, die sich auf dem Friedhof Weißensee befanden, unter ihnen auch das Grabmal für Gumpericht Jechiel Aschkenasi, der 1672 als erster auf dem Friedhof an der Großen Hamburger Straße beigesetzt worden war.


 
 
Urnenfelder

 

49 Die Urnenfelder

Wenn auch die Erdbestattungen auf dem Friedhof Weißensee überwiegen, so können nach der am 9. Februar 1909 erlassenen Beerdigungs- und Friedhofsordnung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin auch Feuerbestattungen durchgeführt werden. Die erste Aschenbeisetzung fand auf diesem Friedhof an einem Sonntag, dem 21. Februar 1909, um 3 Uhr mittags statt. Zunächst wurden die Aschen der Verstorbenen in Särgen und in den normalen Grabfeldern bestattet, ab 1926 dann in Urnen und in den dafür angelegten Urnenfeldern.

 
 
Urnenfeld Abteilung 7

 
50 Urnenfeld Abteilung 7
      

Das Feld G 7 wurde 1941 angelegt. Beigesetzt sind hier die Aschen von 809 jüdischen Menschen, die in den Konzentrationslagern umgebracht wurden. Die Urnen erhielten die Verwandten der Ermordeten per Nachname aus den Vernichtungslagern. Sie wurden aus Sachsenhausen, Buchenwald, Ravensbrück und Groß-Rosen verschickt. Die am häufigsten angegebenen Todesursachen auf den beigefügten Papieren sind Herzversagen, TBC oder man ließ die Todesursache völlig weg.
 
 
Ehrenhain
 

51 Ehrenhain für die im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten
     

Bereits 1914/15 zu Beginn des Ersten Weltkrieges ließ die Jüdische Gemeinde hinter der neuen Trauerhalle ein Ehrenfeld für die gefallenen jüdischen Soldaten nach einem Entwurf des Gemeindebaumeisters Alexander Beer anlegen. Das 49 x 90 Meter große, nach Osten ansteigende Gelände wird von einer aus Rüdersdorfer Kalkstein gefertigten Mauer eingefasst und ist in ein unteres rechteckiges Feld und ein oberes halbrundes Feld aufgeteilt. Die Grabhügel waren in Reihen angelegt und mit einer Efeudecke überzogen. Weitere Grabsteine sind in die Mauer des oberen Halbrunds eingelassen.
Der erste gefallene Soldat, der via Überführung nach Weißensee gelangte, war der Musketier Sally Perlmann. Der nach Erhalt eines Kopfschusses im Vereinslazarett der ‚Großen Landesloge’ in der Eisenacher Straße 12 in Schöneberg an den Verwundungen im Felde verschiedene Sally Perlmann (30. Mai 1884 – 12. Oktober 1914) wurde am 16. Oktober 1914 als erster Toter im Ehrenfeld beigesetzt. Die Grabstelle mit der Nummer 45335 liegt in der ersten Reihe, zweite Stelle im östlichen Bereich des halbrunden Ehrenfeld-Teils.
Das drei Meter hohe, ebenfalls aus MuscheIkalk bestehende zentrale Denkmal hat die Form eines mächtigen Altars. Die Aufstellung des vom Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten (RjF) gestifteten Denkmals mit dem ruhenden Löwen über der Inschrift auf der Vorderseite erfolgte 1926.
Insgesamt 394 jüdische Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, darunter auch Jahre später Beigesetzte, die an den Folgen ihrer Verletzungen starben - die letzte Beisetzung eines Kriegsinvaliden erfolgt 1941 -, fanden hier ihre letzte Ruhestätte.
Am 8. Mai 1944 starb der Architekt des Kriegerehrenfeldes, Alexander Beer, im KZ Theresienstadt.
Die auf dem Entwurf von Alexander Beer basierende Gestaltung des Kriegerehrenfeldes wurde in der Nachkriegszeit vereinfacht. Wege wurden beseitigt, Bäume gefällt und teilweise durch andere Baumarten ersetzt. Die unzureichende Ausstattung des Friedhofes mit Arbeitskräften, insbesondere aber die Tatsache, dass die Angehörigen der hier Beigesetzten entweder in aller Welt verstreut sind oder ermordet worden waren, mithin also keine privaten Pflegeaufträge mehr existierten oder veranlasst wurden, führte dazu, dass das Kriegerehrenfeld zunehmend Schaden nahm und verwilderte. Die Namen auf den Grabsteinen waren kaum noch lesbar, die Mauer war in weiten Teilen bereits eingestürzt.
1995 begann die Wiederherstellung des Kriegerehrenfeldes auf Initiative der Bundeswehr, ermöglicht durch Zuwendungen des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin und der Jüdischen Gemeinde Berlin sowie der Axel-Springer-Stiftung. Die Arbeiten konnten 1998 beendet werden. So konnte dem Verfall und dem Vergessen Einhalt geboten werden.

 

 
     

52 Sonderfelder für nichtjüdische Ehepartner

1951 wurden auf dem jüdischen Friedhof zwei Sonderfelder eingerichtet, auf denen auch nichtjüdische Ehepartner beigesetzt werden können, die während der schweren Zeiten der Verfolgung zu ihren jüdischen Männern oder Frauen gehalten haben. Die Inschriften der Grabsteine zeugen mehrfach davon.

 

 
 
Neue Friedhofsmauer     

 
53 Neue Friedhofsmauer an der Indira-Gandhi-Straße

Die alte Friedhofsmauer war teilweise eingedrückt bzw. zur Friedhofsseite stark geneigt, an verschiedenen Bereichen sogar eingestürzt.
Im Jahre 1980 begann der damalige Magistrat von Berlin (Ost) in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin (Ost) mit der Planung und Projektierung der Friedhofsbegrenzung an der ehemaligen Lichtenberger Straße, heute Indira-Gandhi-Straße. Es galt eine neue Begrenzung zu schaffen, die gleichzeitig mit der Funktionserfüllung einen gestalterischen Anspruch haben sollte, der der Bedeutung des Friedhofs als Kulturstätte entspricht. Die Mauer wurde aus Betonfertigteilen erbaut. Als Relief wurde die Menora, der siebenarmige Leuchter, stilisiert. Die Toreinfahrt und auch Nischenfelder in der Mauer bestehen aus ornamentalen Kunstschmiedegittern. Die Fertigstellung der 750 Meter langen Friedhofsbegrenzung erfolgte 1984.
 
 
Entwurf Schnellstrasse 1986  
 

54 Frühere Straßenplanung
      

Per Vertrag musste die Jüdische Gemeinde 1915 das ca. einen Hektar große Gelände an die Gemeinde Weißensee übertragen. Es wurde der Bau einer Straße geplant. Dadurch wäre der Friedhof in zwei Teile zerschnitten worden. Zum Bau der Straße kam es nie, aber erst 1988 erfolgte die Rückgabe des Geländes für die ehemals geplante Straße 90 an die Jüdische Gemeinde zu Berlin (Ost) zur dauernden Nutzung für Friedhofszwecke.
Nun konnte ein neues Begräbnisfeld errichtet werden. Die erste Beisetzung auf diesem zurückgegebenen Gelände fand am 25. Oktober 1990 statt.

 

 
 
Der Hauptweg   
 

55 Der Hauptweg

Am 21. September 1977 wurde der Friedhof als Denkmal der Kulturgeschichte laut Beschlussvorlage des Magistrats von Berlin (Ost) in die Bezirksdenkmalliste eingetragen. Das bedeutete, dass alle Restaurierungsarbeiten an den Anlagen so ausgeführt werden mussten, wie ihr ursprünglicher Zustand war. Die Feld- und Reihenhinweisschilder waren fast nicht mehr vorhanden, so dass eine Orientierung auf dem Friedhof (der insgesamt in 120 Felder aufgegliedert ist) und das Auffinden der Gräber für Angehörige kaum möglich waren. Seit 1992 wurde damit begonnen, die Schilder nach den Originalen von 1880 zu erneuern. Auftraggeber war das Landesdenkmalamt Berlin. Durch Spendenaufrufe der Friedhofsverwaltung und durch eine in London von Rudi Leavor initiierte Stiftung, dem Weißensee Cemetery Fund, konnte eine weitere, aber vereinfachte und bedeutend kostengünstigere Ausschilderung in den neueren Abteilungen des hinteren Bereichs des Friedhofes erreicht werden.


 
 
Neue Trauerhalle  
 

56 Neue Trauerhalle

1910 wurde wegen der langen Wege auf dem Friedhof eine zweite Trauerhalle etwa in dessen Mitte errichtet. Der Entwurf des Kuppelbaus stammte von dem Gemeindearchitekten Johann Hoeniger. Die Einweihung der neuen Halle erfolgte am 13.01.1911 - von nun an konnten Beisetzungen in der alten und der neuen Halle gleichzeitig stattfinden -, im Jahr darauf kamen noch eine Warte- und Blumenhalle hinzu.
In der Zeit von 1943 bis 1945 gab es 51 große und 17 kleine Bombeneinschläge auf dem Friedhof, dabei wurden etwa 4.000 Gräber zerstört. Bei einem dieser Bombenangriffe brannten auch die Halle und die angrenzenden Nebengebäude aus. 1980 erfolgte der teilweise Abriss der Ruine, die übrigen Trümmer wurden mit einem Erdhügel überschüttet.
Die Grabsteine an beiden Seiten des mit Gras bewachsenen Hügels stammen von dem 1961 aufgelösten Friedhof der Jüdischen Reformgemeinde an der Mahlsdorfer Straße in Köpenick.
Der Architekt Johann Hoeniger (1850-1913) ist nicht weit von dem Hügel beigesetzt. Am Rand des Feldes D 4, Reihe 3, steht ein schlichter Stein auf seinem Grab, der 2003 im Auftrag des Fördervereins Jüdischer Friedhof Berlin-Weißensee e.V. restauriert wurde.

 

 
     
57 Gärtnerei

1887 begann der Aufbau einer friedhofseigenen Gärtnerei, zu der ein Pflanzen-überwinterungshaus, Gewächshäuser, ein Palmenhaus und Geräteschuppen gehörten.
Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten gewann die Friedhofsgärtnerei zudem Bedeutung als Ausbildungsort für jüdische Jugendliche und als Umschulungsstätte für diejenigen Juden, die in ihren bisherigen Berufen nicht mehr arbeiten durften.
Im April 1941 mussten sämtliche Umschulungskurse aufgelöst werden. Von nun an wurden die Juden zu kriegswichtigen Hilfsarbeiten zwangsverpflichtet. So verloren über Nacht viele von ihnen die Hoffnung auf Emigration und somit auf einen Neuanfang. Wenige von ihnen durften nach einiger Zeit zurück, um bei der Instandhaltung des Friedhofes zu helfen, bevor sie deportiert und in den Vernichtungslagern ermordet wurden.
Nach dem Krieg bewirtschafteten Juden, die den Krieg überlebt hatten und christliche Angestellte den Friedhof gemeinsam. Sie bauten die Gärtnerei wieder auf. Der Gemüseanbau war in den Nachkriegsjahren eine wichtige Nahrungsquelle für die Angestellten. Nach und nach konnten auch wieder erstandene jüdische Einrichtungen, wie z.B. das Jüdische Krankenhaus, das Durchgangsheim in der Iranischen Straße, das Kinderheim in Schönhausen und das Altenheim in Spandau beliefert werden. 1959 wurde die Gärtnerei wegen Unrentabilität stillgelegt. Heute dient das Gelände nur noch als Zwischenlager für anfallendes Laub und Holz, das aus den Grabfeldern und Wegen zusammen getragen wird.
 
      (Quelltext: Regina Borgmann)  
         
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