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Grabstätten (Plan-Nr. 4 - 18)

Betrachten wir zuerst die Ehrenreihe in Feld A 1. Hier treffen wir auf hervorragende Persönlichkeiten des jüdischen Lebens, auf die „Gerechten“, die Zaddikim. In der Bibel wird jemand, der recht schaffend lebt und gerecht handelt. Zaddik genannt.


 
 
Dr. Pincus Fritz Frankl

 
4 Dr. Pincus Fritz Frankl (1849 – 1887 Österreich) (Feld A 1)

Der Rabbiner Dr. Pincus Fritz Frankl weihte diesen Friedhof ein.
 
 
Louis Lewandowski

 

5 Louis Lewandowski (1821 Wreschen/Posen - 1894 Berlin) (Feld A 1)

Louis Lewandowski war Kantor, Komponist und Chordirigent. Als erster Jude wurde er Schüler an der musikalischen Sektion der Akademie der Künste. Um die musikalische Ausgestaltung des modernen jüdischen Gottesdienstes hat sich Lewandowski bleibende Verdienste erworben. 1840 wurde er zum Dirigenten des neu eingerichteten, vierstimmigen Chors der Alten Synagoge in der Heidereutergasse ernannt. 1866 übernahm er das Amt des Chordirigenten in der Neuen Synagoge Oranienburger Straße. Lewandowskis Kompositionen waren weit über die jüdischen Gemeinden hinaus beliebt und werden noch heute aufgeführt. Im Dezember 2011 fand in Berlin als internationales Festival synagogaler Musik das Louis-Lewandowski-Festival statt, das diesem deutsch-jüdischen Komponisten und Dirigenten gewidmet war.

 
 
Martin Riesenburger

 
6 Landesrabbiner Dr. h.c. Martin Riesenburger (1896 Berlin – 1965 Berlin) (Feld A 1)

Er war seit 1933 Prediger und Seelsorger im Altersheim der Jüdischen Gemeinde in der Großen Hamburger Straße. 1943 wurde die Jüdische Gemeinde zu Berlin aufgelöst und Rabbiner Riesenburger nach Weißensee versetzt. 1945 widmete er seine Kraft dem Neuaufbau der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die sich 1953 in die Gemeinden Berlin (West) und Berlin (Ost) spaltete. 1955 weihte die Gemeinde Berlin (West) einen neuen, 3,4 Hektar großen Friedhof im Grunewald am Scholzplatz ein. Seit Januar 1991 haben sich beide Gemeinden wieder vereint. Am 10. September 1999 verstarb seine Witwe, Klara Riesenburger, geb. Linke, sie wurde am 13. September 1999 neben ihm beigesetzt.
 
 
Louis Grünbaum

 
7 Louis Grünbaum (1820 Berlin – 1880 Berlin) (Feld A 1)

Die erste Beisetzung auf dem Friedhof war die von Louis Grünbaum am 22. September 1880. Der Grabstein, der noch die traditionelle Stelenform aufweist, ist der älteste auf dem Friedhof. An dieser Stelle sei noch einmal erwähnt, dass die jüdische Religion ihren Gläubigen gebietet, die Toten für die Ewigkeit zu bestatten. Daher ist die Unverletzbarkeit des Grabes unabdingbar für jüdische Grabstätten. Auf diesem Friedhof fanden durchgängig, seit seiner Errichtung im Jahre 1880, über 115.000 Beisetzungen statt. Die höchste Zahl der Beisetzungen erreichte das Jahr 1942, in diesem Jahr wurden 3.257 jüdische Menschen zur letzten Ruhe geleitet, darunter viele, die aus Verzweiflung Selbstmord begangen hatten.
 
 
Stefan Heym

 
8 Stefan Heym (1913 Chemnitz – 2001 Berlin) (Feld Z 1)

Am 16. 12. 2001 starb in Israel der Schriftsteller Stefan Heym im Alter von 88 Jahren an Herzversagen. Anlass seiner Reise nach Israel war ein Kongress über seinen Lieblingsdichter Heinrich Heine. Stefan Heym, der eigentlich Helmut Flieg hieß, legte sich seinen neuen Namen 1933 nach der Flucht aus Berlin nach Prag zu. Danach ging er in die USA, studierte in Chicago Literatur. Als Sergeant der US-Army setzte er 1945 seinen Fuß wieder auf deutschen Boden. 1951 kehrte er endgültig nach Berlin zurück. Heym avancierte in der DDR zum bedeutendsten „oppositionellen Autor“. Er selbst verstand sich nie als Gegner, sondern stets als Kritiker des Regimes. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen u.a. ‚Der König David Bericht’ und ‚Die Schmähschrift oder Königin gegen Defoe’. An seiner Beisetzung am 21. Dezember 2001 nahmen neben dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Berlin Dr. Alexander Brenner auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Bundeskanzler Gerhard Schröder und Berlins ehemaliger Wirtschaftssenator Gregor Gysi teil.
 
 
Herbert Baum

 
9 Herbert Baum (1912 Moschin/Polen – 1942 Berlin) (Ehrenfeld P 1)

Um Herbert Baum und seine Frau Marianne hatte sich in den Jahren von 1939 bis 1942 eine aus Jugendlichen bestehende Widerstandsgruppe gebildet. Die meisten Mitglieder waren jüdischer Herkunft, fast die Hälfte der Gruppe junge Frauen. Im Vordergrund der Arbeit stand anfangs die Kulturarbeit, erst später hatten sie alle nur ein Ziel: Hitler und sein Regime zu stürzen. Bei einem Brandanschlag auf die Hetzausstellung der Reichspropagandaleitung der NSDAP „Das Sowjetparadies“ im Berliner Lustgarten am 8. Mai 1942 wurden Herbert und Marianne Baum sowie weitere Mitglieder der Gruppe verraten, verhaftet und später ermordet. Aus den Archivunterlagen des Friedhofs geht hervor, dass Herbert Baum im Polizeigefängnis, Am Alexanderplatz 1, am 11. Juni 1942 erhängt wurde. Sein Leichnam wurde auf dem Parkfriedhof Marzahn beigesetzt und erst am 11. September 1949 nach Weißensee umgebettet. Die auf den Friedhof zuführende Lothringenstraße erhielt 1951 den Namen Herbert-Baum-Straße.
(Ehrengrabstätte des Landes Berlin)
 
 
Lesser Ury

 
10 Lesser Ury (1861 Birnbaum/Posen – 1931 Berlin) (Ehrenreihe Feld G 1)

Ury galt als einer der bedeutendsten jüdischen Maler des 20. Jahrhunderts in Berlin. Nach dem Tode seines Vaters sollte er nach dem Willen der Mutter eine Schneiderlehre absolvieren. Er ließ sich aber für ein Jahr an der Kunstakademie in Düsseldorf einschreiben, danach ging er weiter nach Brüssel und Paris. Die Bilder, die er zu dieser Zeit malte, standen unter dem Einfluss der französischen Impressionisten. Ab 1885 lebte er in Berlin und hatte engen Kontakt zu Max Liebermann. Mit seinen Bildern zählte er zu den Wegbereitern des deutschen Impressionismus. Ury malte religiöse Motive, Stillleben, Landschaften und Großstadtbilder. Über die Hälfte seiner Bilder wurde von den Nazis verbrannt.
(Ehrengrabstätte des Landes Berlin)
 
 
Natalie Baeck

 
11 Natalie Baeck (1878 Kosten/Posen – 1937 Berlin) (Ehrenreihe Feld G 1)

Auf dem Grabstein von Natalie Baeck, der Ehefrau von Leo Baeck, erinnert eine Gedenkinschrift an ihn. Leo Baeck wurde 1913 nach Berlin berufen. Er war ein bedeutender Rabbiner und während des Ersten Weltkrieges Feldgeistlicher. Er leitete bis 1942 an der Hochschule des Judentums Religionsgeschichte. 1943 wurde er in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Baeck überlebte und nach der Befreiung 1945 zog er nach London. Dort war er ein geehrter Repräsentant des liberalen Judentums. 1948 übernahm er die Professur für Religionsgeschichte am Hebrew Union College in Cincinnati. 1954 wurde in New York das Leo Baeck lnstitut gegründet. Er verstarb 1956 in London, wo er auch seine letzte Ruhestätte fand. Seit 1956 wird jährlich der vom Zentralrat der Juden in Deutschland und der Zentralwohlfahrtsstelle gestiftete Leo-Baeck-Preis vergeben.
 
 
Leo Gollanin

 
12 Leo Gollanin (1872 Schlagory – 1948 Berlin) (Ehrenreihe Feld G 1)

Er war Konzertsänger und wurde Oberkantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Seit 1924 war er an der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße tätig. Gollanin war ein gefeierter Kantor der Berliner Gemeinde und ein hervorragender Lehrer.
 
 
Rudolf Mosse

 
13 Rudolf Mosse (1843 Grätz/Posen – 1920 Berlin) (Feld M 1)

Der Zeitungsverleger Rudolf Mosse eröffnete 1867 in Berlin die ‚Annoncen-Expedition Rudolf Mosse’, die schon bald über Zweigniederlassungen im In- und Ausland verfügte. Er gründete 1872 das Berliner Tageblatt, aus dem 1889 die Berliner Morgenzeitung hervorging, sowie 1904 die Berliner Volkszeitung und das 8-Uhr-Abendblatt. Mit dem Zeitungsverlag verband er einen populärwissenschaftlichen Buchverlag sowie eine Abteilung für Adressbücher und Codes (Deutsches Reichsadressbuch für Industrie, Gewerbe und Handel, Bäder-Almanach u.a.). Er stiftete ein Waisenhaus in Berlin und war Mitglied der jüdischen Reformgemeinde. Das aus rotem, poliertem Granit gefügte Mausoleum der Familie Mosse wurde nach dem Tod des Bruders Wolfgang Mosse (1840 – 1885) 1886 nach einem Entwurf der Architekten Gustav Ebe und Julius Benda durch die Steinmetzfirma Kessel & Röhl errichtet.
(Ehrengrabstätte des Landes Berlin)
 
 
Bernhard Loeser

 
14 Bernhard Loeser (1835 Quedlinburg – 1901 Berlin) (Feld E 2)

Der Kaufmann Bernhard Loeser gründete 1865 mit Karl Wolff ein Tabakwarengeschäft, zu dem bis 1901 noch 65 weitere Loeser-und-Wolff-Filialen hinzu kamen. 1874 erfolgte zusätzlich die Gründung einer Zigarrenfabrik in Elbing.
 
 
Sigmund Aschrott

 
15 Sigmund Aschrott (1826 Hochheim – 1915 Berlin) (Feld C 2)

Der Bankier und Kommerzienrat Aschrott ließ das mächtige Mausoleum in den Jahren 1903 bis 1904 für seine Frau Anna errichten. Sie verstarb 1890 im Alter von 57 Jahren in Wien und wurde 1894 vom Wiener Zentralfriedhof nach Weißensee umgebettet. Der Entwurf des Mausoleums stammt von Professor Dr. Bruno Schmitz. Dieser entwarf auch das Leipziger Völkerschlachtdenkmal sowie die Kaiserdenkmale auf dem Kyffhäuser, an der Porta Westfalica und zum deutschen Eck bei Koblenz. Das Mausoleum Aschrott trägt einen pyramidenförmigen Turmhelm mit einem durchbrochenen Davidstern und einer orientalisch geformten Haube. Das gesamte Bauwerk besteht aus poliertem rotem Granit, die zwei Sarkophagabdeckungen aus poliertem Labrador. Die Kuppel ist innen vergoldet. Das größte Mausoleum des Friedhofs wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben schwer beschädigt und konnte 1996 mit Zuwendungen aus Mitteln des Bundes und des Landes Berlin restauriert werden.
 
 
Willy Hirsch

 
16 Dr. Wilhelm Hirsch (1853 Stargard – 1895 Falkenstein) (Feld L 2)

Dr. Wilhelm (Willy) Hirsch war von Beruf Apotheker. Neben ihm ruht seine Ehefrau Paula Maaß (1862 Hirschberg - 1920 Berlin). Sie war in zweiter Ehe mit dem Kunstmaler Professor Heinrich Maaß verheiratet. Nach ihrem Tode wurde sie mit dem Einverständnis des zweiten Mannes im Erbbegräbnis ihres ersten Mannes beigesetzt. Auf dem Grabmal ist das Sternbild des großen Wagens abgebildet. Die Astrologie wurde von Juden nicht abgelehnt. In dem Grußwort ,,Massel tov", es bedeutet „viel Glück“, steckt auch der Wunsch nach guten Sternen.


 
 
Jacob Hirschberg

 
17 Jacob Hirschberg (1838 Gnesen – 1919 Berlin) (Feld L 2)

Das Grabmal ist eine besonders wertvolle künstlerische Arbeit. Der Parochet (Torarollenvorhang) schmückt das Grab. In den Synagogen werden in den Toraschreinen, in denen die handgeschriebenen Torarollen, welche die fünf Bücher Moses beinhalten, aufbewahrt. Sie werden mit kostbar gearbeiteten Vorhängen verhüllt. Meist sind sie aus Seide oder Samt und kunstvoll bestickt. Hier sind auf dem Vorhang ein Löwenpaar, die Gesetzestafeln und eine Krone dargestellt. Auf den Gesetzestafeln sind die 10 Gebote eingemeißelt, die Moses erhielt, die „Tafeln des Bundes“. Sie kennzeichnen die Anfangsbuchstaben des hebräischen Alphabets, gelesen werden sie von rechts nach links. Bemerkenswert hier sind die Gebote in römischen Ziffern, die von links nach rechts gelesen werden. Das Grabmal ist von einer Fülle symbolischer Darstellungen geziert, es wurde mit Hilfe eines Projekts der Deutschen Stiftung Umwelt restauriert.
 
   
18 Alex Tucholsky (1855 Greifswald – 1905 Berlin) (Feld T 2)

In diesem Grab ist der Vater des Schriftstellers Kurt Tucholsky, Verfasser humoristischer Schriften und politischer Satire, beigesetzt. Die Mutter Doris Tucholsky wurde 74jährig mit dem 23. Alterstransport am 16.07.1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort wurde sie im Mai 1943 ermordet. Ihr ist neben der Grabplatte ihres Ehemanns eine Gedenktafel gewidmet. Kurt Tucholsky übersiedelte nach Schweden, dort nahm er sich 1935 im Alter von 45 Jahren das Leben. Die Grabstätte Tucholsky konnte 2008 mit Mitteln der Müller-Klein-Rogge-Stiftung und des Landes Berlin restauriert werden.
 
     
 
     
(Quelltext: Regina Borgmann)

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